LIFE: Der ehrlichen Finderin

Donnerstag, der 20. Nov, nachmittags. Missmutig und widerwillig erhob ich mich von der Couch. Ich hatte mich gerade warm eingemummelt als mir einfiel, dass ich noch zur Post muss. Und auch der Einkauf stand noch an. Ich hasse einkaufen, vor allen Dingen, wenn ich es alleine machen muss. Es macht mich bestimmt nicht sympathisch, aber ich mag weder die plärrenden Kinder im Supermarkt, noch die lange Schlangen und außerdem macht mich der Verkauf von Weihnachtsprodukten vor Dezember irgendwie aggressiv. Aber es muss ja sein. Also packte ich meine letzten verkauften Artikel von Kleiderkreisel ein, zog mich an, schnappte mir die Einkaufstüten und mein Portemonnaie und überlegte kurz, ob ich nicht doch lieber meine Tasche mitnehmen sollte. Als ich mich aber in Gedanken mit den vollen Tüten den viel zu langen Weg zur Wohnung hochächzen sah, ließ ich sie lieber stehen, nahm die Pakete und klemmte mein Portemonnaie unter den Arm. Auf gehts.

Tüten in den Kofferraum, Pakete auf den Beifahrersitz. Zehn Minuten Fahrt und ein paar weitere für die Parkplatzsuche später und ich stand neben drei anderen Vollbepackten vor der verschlossenen Postfiliale. "Aufgrund einer Betriebsfeier am 20. November ..." Toll. Danke. Da stand ich, mit meinen blöden Päckchen, deren blöden Artikel-Preise wegen des blöden neuen Bezahlsystems von Kleiderkreisel um ungefähr 130% reduziert wurden und eigentlich nicht mal die Zeit des Einpackens Wert waren, geschweige denn den verfahrenen Sprit. Mein Blick verfinsterte sich noch ein bisschen mehr, wenn das denn überhaupt möglich war. "Aber hey, ich hab ja Zeit und Geld genug und deshalb macht es mir natürlich gar nichts aus, morgen einfach nochmal zu fahren." Mit diesen Gedanken ging ich zurück zum Auto, stieß dabei an einen Pöller und musste mich zurückhalten, nicht einfach auch noch dagegen zu treten. Misttag.

Wisst ihr, es war so ein Tag, an dem man sein Spiegelbild anschaut und sich am liebsten laut fragen würde: "Wer bist du überhaupt? Was machst du hier?" Der Winter macht mich zu einem eledigen Grummeltier, das keinen Sinn im Leben sieht - und dabei hat er ja noch nicht mal richtig angefangen. Ich saß jetzt im Auto und eigentlich war ich in der besten Stimmung dazu, einfach ein bisschen zu weinen. 

Stattdessen atmete ich tief ein, hielt kurz die Luft an, und bog auf den Kaisers-Parkplatz ab. 
Atmete aus, ein letzter prüfender Blick in den Spiegel und die Fassade wieder aufgesetzt. 
Zog die Handbremse, den Hebel für den Kofferraum und tastete nach meinem Portemonnaie auf dem Beifahrerplatz.
Und tastete. Und tastete. 
Und schaute im Fußraum. Und schaute auf der Rückbank. Und im Kofferraum. Und in den Tüten. Und dachte mir nur: Nein. Nein, nein. Nein, nein, nein. Einfach nein. Aber das brachte mein Portemonnaie auch nicht dahin, wo es hingehörte. Es war eindeutig weg. Und mit ihm meine kurz zuvor erarbeiteten 90 Euro und all meine Karten.



Wenn ich ehrlich war, wusste ich nicht mal, ob ich es auf dem Weg zur Post überhaupt noch hatte. Vielleicht war es auch schon zu Hause auf dem Weg zum Auto verloren gegangen. Aber ich hatte nicht mal ein Handy mit, um kurz den Mann daheim anzurufen und zum ersten Mal verfluchte ich mich dafür, nicht eins dieser süchtigen Smartphone-Kids zu sein. Und dann fiel mir der Pöller ein, dieser blöde Kack-Pöller, gegen den ich gerannt war. Und ich hätte mir am liebsten ins Gesicht geschlagen, als mir auch noch klar wurde, dass ich mich sogar noch umgedreht hatte um halbherzig zu überprüfen, ob mir etwas runtergefallen war. Ich Mistkäfer. 

Nachdem ich die Tränen zuvor zurückhalten konnte, geling mir das jetzt nicht mehr ganz so gut. Ich fuhr zurück, fragte in umliegenden Geschäften, ob es vielleicht abgegeben wurde, aber außer mitleidigen Blicken erhielt ich nur Kopfschütteln. Ich überlegte, ob ich zur Polizei fahren sollte, sah aber keinen Sinn darin und entschied, lieber zur Bank zu fahren, um meine Karte sperren zu lassen. Wenn sie denn überhaupt noch offen hatte, es war inzwischen halb sechs. Was ich gar nicht bedacht hatte, war, dass ich auf dem Weg zur Bank eh an der Polizei vorbeifahren musste und warum sollte ich mein Glück nicht doch versuchen?
Mit der Wimperntusche in den Kniekehlen stand ich also fünf Polizeibeamten gegenüber und auf die Frage, ob nicht zufällig ein Portemonnaie abgegeben wurde, entgegnete man mir "Doch doch, Frau Heisters. Ist es!" 

Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie erleichtert ich war. Da bin ich den ganzen Tag so miesepetrig unterwegs gewesen und habe mir schon vorgestellt, was der gemeine Finder mit meinem Geld so alles anstellt und dann war es einfach innerhalb von nicht mal zwanzig Minuten von einer älteren Dame abgegeben worden. Nach einer Standpauke vom ältesten Polizisten und der dringenden Empfehlung, der Dame persönlich zu danken, erhielt ich ihre Adresse. Und plötzlich war ich froh über die Weihnachtssüßigkeiten im November, denn ich kaufte die größte Packung davon für Frau P., und plötzlich konnte ich die plärrenden Kinder an der langen Schlange anlächeln, denn kurz zuvor hab ich mich ungefähr genauso aufgeführt, wenn auch heimlich im Auto und nicht in aller Öffentlichkeit. 

Ich schrieb ihr noch eine Karte, meiner Alltagsheldin, mit dem Hinweis, dass sie sich unbedingt melden sollte, wenn sie jemals meine Hilfe bräuchte, deponierte ein paar Scheine in der Schokoladen-Verpackung und fand mich schließlich vor ihrer Tür wieder. Mir öffnete eine unheimlich nette Frau P. die Tür, die mir sagte, wie Leid es ihr für mich tat, mir etwas von Karma erzählte und dass ich sicher auch ein ehrlicher Mensch sei und als mir vor lauter Dankbarkeit wieder die Tränen kamen, weinte sie fast mit. 

Als ich das letzte Mal für diesen Donnerstag im Auto saß, schalt ich mich ein bisschen für meine negative Einstellung, die ich an den Tag gelegt hatte. Nicht nur an diesem Tag, nein, um ehrlich zu sein schon die ganzen letzten Wochen. Eigentlich hatte ich das nun gar nicht verdient. Aber vielleicht wollte mir das Leben auch nur auf eine ganz besonderes Art und Weise zeigen, dass es sich doch immer lohnt, ans Gute zu glauben.

LIFE: Modenschau / Pfauenkleid

Obwohl der Tag der offenen Tür und damit auch die Modenschau schon über eine Woche her ist, habe ich jetzt erst die Motivation dazu gefunden, diesen Post zu erstellen und euch die Bilder unseres Kleides zu zeigen. Die Projektwoche und auch schon die Woche davor waren derart nervenzehrend, dass ich die Woche wirklich gebraucht habe um einfach mal nur zu sein und nichts zu tun. 

Im Endeffekt war es natürlich auch wirklich schön, eine Woche lang einfach nur selbstständig am eigenen Projekt zu werkeln. Josephine und ich haben definitiv die richtige Entscheidung bezüglich unserer Zusammenarbeit getroffen: schon beim Entwurf hatten wir quasi zeitgleich ähnliche Ideen, waren uns nie wirklich uneinig und auch beim Nähen haben wir uns perfekt ergänzt. Als das Kleid fertig war, waren wir stolz wie Bolle und als ich meine Lieblingsfreundin (wir nennen uns übrigens liebevoll Joseph und Lenni) schließlich in u.n.s.e.r.e.m Kleid den Laufsteg zu Lykke Li's "rest for the wicked" entlangschreiten sah, sind beinah ein paar Tränen geflossen. 

Ein bisschen kitschig ist es geworden, unser Pfauenkleid - aber das hält mich nicht davon ab, es abgöttisch zu lieben, im Gegenteil! Dabei fällt mir gerade eine Studie ein, die besagt, dass man sein eigenes Selbstgemachtes immer viel schöner findet als alle anderen. Wenn ihr jetzt Kritik übt, muss ich dann wohl anfangen zu weinen! 





LIFE: Projektwoche & Modenschau

Ein wenig ruhig war es hier die letzte Woche und das hat natürlich auch einen Grund: ich stecke gerade mitten in den Vorbereitungen für unsere (ausbildungsbedingte) Modenschau am Samstag. Der schließt an unsere derzeitige Projektwoche an, in der wir lauter schöne Kleider zu verschiedenen Themen nähen, die dann gezeigt werden. Ich freu mich tierisch! - womit ich jetzt die perfekte Überleitung zu meinem Thema gefunden habe, höhö. Ich bin nämlich in der Tier-Gruppe (bitte denkt nicht gleich an Karnevals-Kostüme, sondern eher an Maskenball-Niveau) und nähe mit Josephine ein Kleid, das einen Pfauen darstellt. Ich lass euch nun einfach mit ersten Eindrücken allein, ich bin nämlich schon ziemlich K.O. Ich hoffe, ich kann euch die Tage Bilder vom fertigen Kleid und der Modenschau zeigen :) Und wer aus der Nähe ist: kommt vorbei! Hier findet ihr Infos, wenn auch eher spärlich!






HINTERGRUNDWISSEN BEKLEIDUNG: Fasern - Leinen

Nachdem ihr im letzten Post zu "Hintergrundwissen Bekleidung" etwas über die Baumwolle erfahren habt, ist heute die nächste Naturfaser an der Reihe: Leinen.





Kurze Vorstellung:
Ich bin auch bekannt als Flachs, denn so heißt die Pflanze, von der ich abstamme. Diese kann (wenn für die Faserproduktion relevant) 0,80 bis 1,20 m groß werden und wird nur ein Jahr alt. Seeklima ist für das Wachstum ideal. Es ist etwas ungewöhnlich, aber meine Fasern liegen im Inneren des Pflanzenstängels, deshalb ist die Größe wichtig! Kleinere Exemplare werden daher zur Ölgewinnung genutzt.
Webstoffe, bei denen ich beteiligt bin, erkennt man übrigens häufig an den unregelmäßigen, leichten Verdickungen.

Meine Geschichte:
Ich bin, genauso wie die Baumwolle, nicht mehr die Jüngste. Schon 5000 bis 4000 vor Christus wurde ich beispielsweise in Ägypten angebaut! Ratet mal, wer die Mumien eingekleidet hat.. 


Meine Bedeutung für die Textilindustrie: 
Für die Textilindustrie spiele ich leider nur eine untergeordnete Rolle, dafür bleibt die Faserproduktion sehr konstant bei circa 1,5% weltweit. Das entspricht zwischen 600000 und 700000 Tonnen jährlich.


Meine Haupterzeugungsländer: 
Meine Heimatländer sind unter anderem China, Russland, Ukraine und Frankreich. Jedoch wird auch immer wieder darüber diskutiert, ob sich ein Anbau in Deutschland lohnen würde. 


Meine besten Eigenschaften: 
Als Gewebe verfüge ich kaum über Lufteinschlüsse, fühle mich angenehm kühl an und bin ideal für warme Temperaturen. Auch, weil ich viel Feuchtigkeit aufnehmen und auch wieder abgeben kann. Ich unterstütze euren Körper so bei der Klimaregulierung. Ich bin sehr strapazierfähig und lade mich so gut wie nie elektrisch auf. Ich fluse nicht und bin auch nicht besonders anfällig für Schmutz.

Doch wisst ihr, worauf ich noch ziemlich stolz bin? Meine gute Ökobilanz: egal ob konventionell oder biologisch angebaut, ich schlage die Baumwolle um Längen. Warum? Ich benötige nur circa ein Viertel des Wassers, welches der Anbau von Baumwolle nötig hat!


Meine schlechten Eigenschaften: 
So gut die meisten meiner Eigenschaften auch sind - ich hab einen entscheidenden Nachteil: ich knittere unglaublich und muss häufig gebügelt werden. Auch bin ich nicht ganz so hautfreundlich wie beispielsweise Baumwolle, weil ich ein wenig steifer bin.. 


Mein internationales Zeichen: 
Für mich gibt es sogar zwei Zeichen. Einmal das für Reinleinen (100%) und das für Halbleinen (die Kette des Gewebes darf aus Baumwolle bestehen, der Schuss aber komplett aus Leinen. Der Anteil muss dabei mind. 40% ausmachen) verwendet werden. Auch dürfen Fasern nur als Leinen oder Flachs bezeichnet werden, wenn sei dem Stängel der Pflanze entnommen wurden. Man erkennt es an dem abgerundeten "L" (Klick)



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Als Quellen dienten mein Kopf, das Buch "Fachwissen Bekleidung", diese Grafik und Virtuelles Wasser 

GREEN FASHION: Hess Natur

Ich war ja wirklich, wirklich lange nicht mehr auf irgendwelchen Blogger-Events. Seit ich mich ein bisschen aus der ganzen "Blogosphäre" rausgezogen habe - und das ist nun über 1.5 Jahre her - habe ich einfach keine Einladungen mehr bekommen, die mich irgendwie interessiert haben. Deshalb habe ich mich echt sehr gefreut, als dann eine Einladung nach Düsseldorf von Hess Natur hereinflatterte. 

Hess Natur bietet schon seit den 70er-Jahren faire Mode aus Naturmaterialien an und ist bisher leider eher hauptsächlich der Generation unserer Eltern ein Begriff. Dabei sind sie längst dabei, sich vom typischen Öko-Image zu verabschieden und haben wirklich schöne Teile in ihrem Sortiment! Preislich kann man sie natürlich - glücklicherweise! - nicht mit Primark und Konsorten vergleichen, wobei ein Basic-Shirt beispielsweise nicht teurer ist als bei H&M!

Zunächst wurde uns das Unternehmen ein wenig vorgestellt. Die drei dafür zuständigen Damen, die ihr auf dem nächsten Foto sehen könnt, waren sehr offen für allerlei - auch kritische - Fragen. So haben wir einiges über die Produktionsbedingungen und die Materialien erfahren: Hess Natur steht beispielsweise zu allen ihren Produzenten in sehr engem Kontakt. Kinderarbeit, Diskriminierung oder Chemieeinsatz sind dabei natürlich tabu. Verwendet werden nur natürliche Materialien, hauptsächlich aus kontrolliert biologischem Anbau bzw biologischer Tierhaltung - die einzige Ausnahme stellt Elasthan hedar, wobei die Elasthan-Faser mit Naturfasern ummantelt wird, um Hautkontakt zu vermeiden. Mehr Infos könnt ihr auch noch auf der Internetseite finden!

Ganz im Gegensatz zu den Bloggerevents, bei denen ich früher so war, hatte ich wirklich den Eindruck als würde das Vermitteln der Informationen und die Sensibilisierung für das Thema "Faire Mode" im Vordergrund stehen - und nicht ausschließlich die Vermarktung. Trotzdem wurde auch ganz offen zugegeben, dass Hess Natur bestrebt ist, nun auch jüngeres Publikum zu erreichen und noch weiter weg vom Öko-Image zu kommen und dafür unsere Hilfe nützlich und willkommen ist. Das fand ich sehr sympathisch. Generell war die ganze Atmosphäre sehr familiär und ganz und gar nicht aufgesetzt, wie es bei anderen Unternehmen oft der Fall ist. 




Anschließend erhielten wir die Möglichkeit, uns unser eigenes Zero-Waste-Tshirt zu designen. Beim Zero-Waste-Prinzip werden die Schnitte so konstruiert, dass beim Zuschnitt die gesamte Stoffbreite ausgenutzt werden kann und somit kein Abfall durch Stoffreste entsteht. Das war für mich als Schnitt-Liebhaberin echt super interessant, denn davon habe ich tatsächlich vorher noch nie gehört gehabt. Bei der Gelegenheit habe ich auch gleich erfahren, dass Hess Natur noch alle Schnitte per Hand macht und schon war ich verliebt :D

Mit kleinen Häppchen, Eis und Live-Musik machten wir uns noch einen netten Nachmittag bevor wir den Abend im "Les Halles" ausklingen ließen. Ich fand es wirklich schön, mal wieder ein wenig unter Bloggern zu sein und war erst nach Mitternacht zu Hause.