ZEITVERTREIB.

Die Spargelsaison ist vorbei und somit liegt mein bisher schönster Nebenjob hinter mir. Die Wohnungssuche erweist sich als deprimierender als ich es mir vorgestellt habe. Bevor der Umzug allerdings nicht über die Bühne gegangen ist, oder zumindest feststeht, in welcher Stadt sich unser trautes Heim befindet, kann ich mich weder um einen neuen Nebenjob, ein Praktikum, Kurse und Fitnessstudio kümmern. Mit den folgenden Dingen vertreibe ich mir also momentan die Zeit und lenke mich vom in der Luft hängen ab.



1. Puzzlen. Heute saß ich allein drei Stunden mit meiner Schwester und nochmal zwei Stunden allein dran.
2. + 3. Tintenherz lesen. Ich liebe Jugendbücher und ich liebe Cornelia Funke allein schon wegen den wilden Hühnern.
4. Malen. Auf der verdammt genialen Staffelei meiner Mama.
5. Mit den anscheinend winzigsten Perlen der Welt Schmuck machen.
6. Mit meinem Freund 24 schauen.




DIE ERSTEN VERSUCHE.

Wie schon im letzten Post angemerkt, hab ich mich an den Pinseln versucht. Fürs erste bin ich ganz zufrieden, auch wenn meine Mutter Angst vor den Bildern hatte :D




PERFEKTIONISMUS.


Ich war vier und wollte Fahrrad fahren können - wie meine große Schwester und alle anderen älteren Kinder, die ich kannte. Ich beließ es dabei, dass ich es können wollte. Von üben wollen war keine Rede. Schon mit vier Jahren war ich verärgert und enttäuscht, wenn mir etwas nicht so gelang, wie ich es mir vorstellte; nämlich gleich beim ersten Anlauf, ohne großes Training. So war es beim Fahrrad fahren, beim schwimmen, bei neuen Spielen, die ich kennen lernte – sobald etwas nicht auf Anhieb funktionierte, hatte ich keine Lust mehr. Trotz Ermunterungen vonseiten meiner Eltern hätte ich am liebsten alles hingeworfen und mich der Sache nie wieder gewidmet.

Ich hatte mich seitdem nicht sonderlich weiterentwickelt. Ich war auf derselben Stufe stehen geblieben. Nein, vielleicht war ich sogar noch eine Stufe zurückgetreten. Denn während ich als Kind die Dinge zumindest das eine Mal testete, fing ich nun oft gar nicht erst damit an. Weil ich ganz genau wusste, dass ich es beim ersten Mal nicht so gut machen konnte, wie ich wollte. Und an dieser Stelle kam der Perfektionismus ins Spiel: Wenn ich es nicht perfekt machen konnte – ja dann wollte ich es gar nicht erst. Es gab nur Schwarz oder Weiß. Perfektion war das Ziel. Da Perfektion allerdings nicht existierte, war diese auch nicht zu erreichen. Und zu etwas, von dem man schon wusste, dass man es so oder so nicht erreichen konnte, brauchte man sich gar nicht erst auf den Weg zu machen. Dachte ich.

Und so stand der Perfektionismus meiner Selbstverwirklichung beträchtlich im Wege. Zu gern wollte ich wissen, was ich schon alles können würde, was ich alles angegangen wäre, wäre dieser Hang zum Perfektionismus nicht so tief in mir verwurzelt gewesen.

Aber vielleicht war Zufriedenheit auch einfach nicht mein Stil.

Heute stehe ich auf der Leiter der Gelassenheit ein paar Stufen höher. Ich werfe dem Perfektionismus ab und an ein lautes FICK DICH an den Kopf und versuche, mich von ihm fernzuhalten. Ein paar neue Dinge habe ich ausprobiert. Schmuck machen, Körbe flechten, malen, am Klavier selbst komponieren. Alles nicht perfekt geworden. Aber Spaß hat es gemacht. Viel mehr Spaß als sich ständig diesem freudlosen und nie zufriedenen Perfektionismus zu unterwerfen. Auch wenn ich es nicht einfach ist.

OH LA LA LA LALALALALALALA.

In letzter Zeit musste ich mir öfter mal Vorwürfe oder "lieb gemeinte Ratschläge" anhören. Dass ich und meine Art anstrengend geworden seien, ich mich ganz schön krass verändert hätte, oder dass man sich früher besser mit mir identifizieren konnte. Dass ich unsympathisch geworden wäre weil ich rauche, und dass bestimmt der "alte Mann mit der Glatze" mein Freund wär, wegen meiner angeblichen Lebenskrise.
Dazu kann ich folgendes sagen: Ich hatte es nicht leicht die letzten Monate, und ja, vielleicht befand ich mich ja sogar in einer Lebenskrise, wer weiß, und höchstwahrscheinlich habe ich mich in der letzten Zeit verändert. Ich rauche seit ich vierzehn bin gelegentlich und seit Monaten regelmäßig. Der alte Mann mit der Glatze ist ein super Kerl, hilfsbereit, unterhaltsam, witzig und charakterstark. Und nein, er ist nicht mein fester Freund. Das ist der schwarze Mann mit Brille und Bart. Ich poste nach wie vor wonach mir der Sinn steht, worauf ich Lust habe und wovon ich denke, dass es euch vielleicht interessieren könnte. Trotz dieser Zeit, die nicht immer leicht für mich ist.
Wer mich anstrengend findet und glaubt, dass ich bloggermäßig nachgelassen habe, den zwinge ich nicht, mich hier weiter zu besuchen.

Heute ein paar Bilder die nicht zusammenpassen aus den letzten Tagen und Wochen: 9mm und Naturhaarfarbe, meine zuckersüßen Neffen und eine Kette die ich auf Wunsch meiner Tante zur Hochzeit ihrer Nichte gemacht habe.





BILDERFLUT VOM RHEINGRILLEN.

Gestern haben wir mit ein paar Mann am Rhein gegrillt. Es war ein wirklich schöner Tag mit tollen Leuten. Cindy, Conny und ich sind mal wieder halbnackt schwimmen gegangen, daher hängt mein Kleid auch im Busch :D Mein Herzblatt könnt ihr übrigens auch entdecken.

 

Und zum Schluss noch ein Video. Die Kinder beim spielen: Wer den Stein trifft, der im Wasser vorragt :) Ab 0.53 wirds interessant :D






HIPPIEKETTE DIY


Fertig in fünf Minuten, leider ist der Verschluss gebrochen...


GESCHICHTE NR. 2

Heute zeige ich euch wie versprochen noch die Geschichte von Lucie, die ich ebenfalls sehr mag. Lucie kann übrigens nicht nur gut schreiben sondern auch sehr schön zeichnen... schaut euch ihren Blog an!

Das Interview
Ich stehe in der Sporthalle und blinzle in das helle Licht, das durch die großen, weit bis unter die Decke reichenden Glasfenster fällt. Hinten auf der improvisierten Bühne stehen die Musiker und spielen gut gelaunte, laute Musik, die langen Biertische sind hübsch gedeckt und mit Blumensträußen geschmückt- es riecht nach Kuchen und Kaffee. Überall drängen sich Menschen, vor allem vor der Essenstheke am anderen Ende des Raumes wird es langsam voll- ich stehe abseits der Menge und frage mich, wie das hier funktionieren soll. Ich habe keine Aufgabe. Ich gehöre hier nicht hin, fühle mich wie ein Eindringling- ich bin viel zu gut gekleidet, und das, obwohl ich nur H&M-Klamotten trage, die ihre besten Zeiten auch schon hinter sich haben. Und trotzdem steche ich heraus wie ein Papagei in einem Schwarm Tauben- denn diese Leute sind anders als ich. Sie haben kein Zuhause. Sie haben keine Familie, kein Geld, keine Freunde, kein Essen- genau genommen haben sie gar nichts. Sie sind Obdachlose, Ausgestoßene der Gesellschaft, und in diesem Moment muss ich ein bisschen lachen, denn so fremd ich mich gerade fühle- so fremd sind normalerweise sie. In der normalen Welt zumindest. Aber heute, in dieser Sporthalle, werden die Verhältnisse für wenige Stunden auf den Kopf gestellt.



„Ist hier noch frei?“ frage ich und stelle meinen Teller auf dem Tisch ab. Ein Mann und eine Frau blicken mich misstrauisch an. „Klar, setz dich hin“.
Und ich setze mich hin und beginne, meinen Kuchen zu essen, auf den ich im Moment eigentlich überhaupt keinen Appetit habe. In meinem Kopf rotieren die Gedanken. Ich bin auf der Suche nach einem geeigneten Gesprächseinstieg, der mich nicht so wirken lässt, als wolle ich die Leute ausspionieren. Doch zwischen „Schmeckt es Ihnen?“ und „Wohnen Sie hier in der Nähe?“ werde ich plötzlich beim Grübeln unterbrochen. „Was machst du denn hier?“ fragt der Mann mich. Ich sehe ihn an. Er ist sehr groß und sehr dünn, hat einen fusseligen Bart mit Gelbstich im Gesicht und sieht so aus, als habe sich jede einzelne seiner Falten mit Nachdruck ins Gesicht gegraben. Er guckt grimmig. Aber seine Stimme klingt freundlich. „Ich bin Studentin“, antworte ich. „Ich und meine Freundin“, ich zeige auf eine Bank etwas weiter entfernt, wo Anna gerade an ihrem Kuchen herumpickt, „sind hier, weil wir für die Uni ein Interview führen sollen.“ Ich schweige kurz. „Und es gibt Kuchen, das ist auch ein Grund.“ Der Mann grinst mich an. „Na dann leg mal los. Ich bin Simon, und das da“, er zeigt auf die kleine Frau, die ihm gegenüber sitzt, „ ist Bonnie. Sie ist meine Frau.“ Er schiebt sich einen Bissen Kuchen in den Mund und schaut mich erwartungsvoll an. Ich stoße einen imaginären Erleichterungsseufzer aus. Na, dann leg mal los.



Bonnie. Alkoholikerin, Mutter zweier Kinder, das eine 20, das andere 13 Jahre alt. Beide sind nicht mehr bei ihr. 20 Jahre lang hat sie gefixt, 6 Jahre war sie auf Methadon, Simon hat sie runtergebracht. 3 Exmänner hat sie schon überlebt, alle waren sie Junkies. Ihre eigene Mutter hat sie früher verprügelt und ihr zur Strafe den Mund zugeklebt, wenn sie keine Lust auf ihr Kind hatte. Und Simon, der alle 15 Minuten nach draußen verschwindet, um eine zu rauchen. Auch er ist Alkoholiker, auch er lebt schon seit Jahren auf der Straße. Seit sie sich gefunden haben, schnorren sie gemeinsam verdorbenes Essen bei Lebensmittelgeschäften, sie schlafen in Parks, die sie hinterher immer gut aufräumen, wie sie betonen; ab und zu übernachten sie auch im Obdachlosenheim, was sie aber nicht mögen, weil sie da nicht zusammen in einem Zimmer wohnen dürfen. Vor einem halben Jahr, als sie in einem Park übernachteten, der tagsüber Treffpunkt vieler Studenten und Schüler ist, wurden sie nachts grundlos von einer Horde Jugendlicher zusammengeschlagen. Seither ist Bonnie auf einem Ohr taub, beide hatten mehrere Rippenbrüche und Glück, dass sie die Nacht überlebt haben. Die Jugendlichen haben eine Bewährungsstrafe bekommen. Simon und Bonnie haben nichts bekommen.



Ich sitze da und bin wie betäubt, während mir Bonnie, die kleine, schmutzige Bonnie mit ihren lockigen Haaren und dem Gesicht, das unnatürlich kindlich wirkt, ihre Geschichte erzählt. Ich habe schon seit 20 Minuten keine einzige Frage mehr gestellt, die Worte sprudeln geradezu aus Bonnie heraus, ganz als wäre sie froh, all das auch mal jemand anders erzählen zu können als Simon. Als sie mit ihrer Geschichte fertig ist, richte ich mich auf und versuche, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Bonnie lächelt Simon an, der gerade wieder vom Rauchen kommt, und lehnt sich an ihn, nachdem er sich niedergelassen hat. „Es ist so schön, mal mit einem normalen Menschen zu reden“, sagt sie zu mir. „Normalerweise reden wir nicht mit normalen Menschen“, ergänzt Simon. Ich denke an all die Obdachlosen, an denen ich Tag für Tag vorbeilaufe, ohne Ihnen Beachtung zu schenken. „Ich bin auch froh, dass ihr mit mir geredet habt“, sage ich, und ich meine es ehrlich.

Das war sehr viel Lebensgeschichte in sehr kurzer Zeit. Ich atme aus. Noch eine letzte Frage. „Was macht ihr zwei den eigentlich, um Spaß zu haben?“ Simon lacht. „Na, manchmal gibt es in der Stadt so billige Fahrkarten für den Zug“, erzählt er. „Die kaufen wir uns dann, und dann setzen wir uns in den Zug und fahren ganz lange ganz weit in die eine Richtung. Und wenn wir fertig sind, fahren wir wieder zurück. Zugfahren ist unser liebster Zeitvertreib.“ Bonnie strahlt Simon an und zwinkert mich an. „Das solltest du auch mal versuchen!“ sagt sie.
Kurz darauf verlassen die beiden, jeweils mit einer Tüte Brötchen unter dem Arm, Hand in Hand die Sporthalle. Ich sehe sie noch kurz draußen im grellen Licht stehen, sehe, wie Simon sich die wohl fünfzigste Zigarette dieses Tages dreht.

Sie stehen nur fünfzig Meter entfernt. In Wirklichkeit liegen so viele Welten zwischen uns, dass mir ganz schwindelig wird.