Heute zeige ich euch wie versprochen noch die Geschichte von
Lucie, die ich ebenfalls sehr mag. Lucie kann übrigens nicht nur gut schreiben sondern auch sehr schön zeichnen... schaut euch ihren Blog an!
Das Interview
Ich stehe in der Sporthalle und blinzle in das helle Licht, das durch die großen, weit bis unter die Decke reichenden Glasfenster fällt. Hinten auf der improvisierten Bühne stehen die Musiker und spielen gut gelaunte, laute Musik, die langen Biertische sind hübsch gedeckt und mit Blumensträußen geschmückt- es riecht nach Kuchen und Kaffee. Überall drängen sich Menschen, vor allem vor der Essenstheke am anderen Ende des Raumes wird es langsam voll- ich stehe abseits der Menge und frage mich, wie das hier funktionieren soll. Ich habe keine Aufgabe. Ich gehöre hier nicht hin, fühle mich wie ein Eindringling- ich bin viel zu gut gekleidet, und das, obwohl ich nur H&M-Klamotten trage, die ihre besten Zeiten auch schon hinter sich haben. Und trotzdem steche ich heraus wie ein Papagei in einem Schwarm Tauben- denn diese Leute sind anders als ich. Sie haben kein Zuhause. Sie haben keine Familie, kein Geld, keine Freunde, kein Essen- genau genommen haben sie gar nichts. Sie sind Obdachlose, Ausgestoßene der Gesellschaft, und in diesem Moment muss ich ein bisschen lachen, denn so fremd ich mich gerade fühle- so fremd sind normalerweise sie. In der normalen Welt zumindest. Aber heute, in dieser Sporthalle, werden die Verhältnisse für wenige Stunden auf den Kopf gestellt.
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„Ist hier noch frei?“ frage ich und stelle meinen Teller auf dem Tisch ab. Ein Mann und eine Frau blicken mich misstrauisch an. „Klar, setz dich hin“.
Und ich setze mich hin und beginne, meinen Kuchen zu essen, auf den ich im Moment eigentlich überhaupt keinen Appetit habe. In meinem Kopf rotieren die Gedanken. Ich bin auf der Suche nach einem geeigneten Gesprächseinstieg, der mich nicht so wirken lässt, als wolle ich die Leute ausspionieren. Doch zwischen „Schmeckt es Ihnen?“ und „Wohnen Sie hier in der Nähe?“ werde ich plötzlich beim Grübeln unterbrochen. „Was machst du denn hier?“ fragt der Mann mich. Ich sehe ihn an. Er ist sehr groß und sehr dünn, hat einen fusseligen Bart mit Gelbstich im Gesicht und sieht so aus, als habe sich jede einzelne seiner Falten mit Nachdruck ins Gesicht gegraben. Er guckt grimmig. Aber seine Stimme klingt freundlich. „Ich bin Studentin“, antworte ich. „Ich und meine Freundin“, ich zeige auf eine Bank etwas weiter entfernt, wo Anna gerade an ihrem Kuchen herumpickt, „sind hier, weil wir für die Uni ein Interview führen sollen.“ Ich schweige kurz. „Und es gibt Kuchen, das ist auch ein Grund.“ Der Mann grinst mich an. „Na dann leg mal los. Ich bin Simon, und das da“, er zeigt auf die kleine Frau, die ihm gegenüber sitzt, „ ist Bonnie. Sie ist meine Frau.“ Er schiebt sich einen Bissen Kuchen in den Mund und schaut mich erwartungsvoll an. Ich stoße einen imaginären Erleichterungsseufzer aus. Na, dann leg mal los.
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Bonnie. Alkoholikerin, Mutter zweier Kinder, das eine 20, das andere 13 Jahre alt. Beide sind nicht mehr bei ihr. 20 Jahre lang hat sie gefixt, 6 Jahre war sie auf Methadon, Simon hat sie runtergebracht. 3 Exmänner hat sie schon überlebt, alle waren sie Junkies. Ihre eigene Mutter hat sie früher verprügelt und ihr zur Strafe den Mund zugeklebt, wenn sie keine Lust auf ihr Kind hatte. Und Simon, der alle 15 Minuten nach draußen verschwindet, um eine zu rauchen. Auch er ist Alkoholiker, auch er lebt schon seit Jahren auf der Straße. Seit sie sich gefunden haben, schnorren sie gemeinsam verdorbenes Essen bei Lebensmittelgeschäften, sie schlafen in Parks, die sie hinterher immer gut aufräumen, wie sie betonen; ab und zu übernachten sie auch im Obdachlosenheim, was sie aber nicht mögen, weil sie da nicht zusammen in einem Zimmer wohnen dürfen. Vor einem halben Jahr, als sie in einem Park übernachteten, der tagsüber Treffpunkt vieler Studenten und Schüler ist, wurden sie nachts grundlos von einer Horde Jugendlicher zusammengeschlagen. Seither ist Bonnie auf einem Ohr taub, beide hatten mehrere Rippenbrüche und Glück, dass sie die Nacht überlebt haben. Die Jugendlichen haben eine Bewährungsstrafe bekommen. Simon und Bonnie haben nichts bekommen.
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Ich sitze da und bin wie betäubt, während mir Bonnie, die kleine, schmutzige Bonnie mit ihren lockigen Haaren und dem Gesicht, das unnatürlich kindlich wirkt, ihre Geschichte erzählt. Ich habe schon seit 20 Minuten keine einzige Frage mehr gestellt, die Worte sprudeln geradezu aus Bonnie heraus, ganz als wäre sie froh, all das auch mal jemand anders erzählen zu können als Simon. Als sie mit ihrer Geschichte fertig ist, richte ich mich auf und versuche, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Bonnie lächelt Simon an, der gerade wieder vom Rauchen kommt, und lehnt sich an ihn, nachdem er sich niedergelassen hat. „Es ist so schön, mal mit einem normalen Menschen zu reden“, sagt sie zu mir. „Normalerweise reden wir nicht mit normalen Menschen“, ergänzt Simon. Ich denke an all die Obdachlosen, an denen ich Tag für Tag vorbeilaufe, ohne Ihnen Beachtung zu schenken. „Ich bin auch froh, dass ihr mit mir geredet habt“, sage ich, und ich meine es ehrlich.
Das war sehr viel Lebensgeschichte in sehr kurzer Zeit. Ich atme aus. Noch eine letzte Frage. „Was macht ihr zwei den eigentlich, um Spaß zu haben?“ Simon lacht. „Na, manchmal gibt es in der Stadt so billige Fahrkarten für den Zug“, erzählt er. „Die kaufen wir uns dann, und dann setzen wir uns in den Zug und fahren ganz lange ganz weit in die eine Richtung. Und wenn wir fertig sind, fahren wir wieder zurück. Zugfahren ist unser liebster Zeitvertreib.“ Bonnie strahlt Simon an und zwinkert mich an. „Das solltest du auch mal versuchen!“ sagt sie.
Kurz darauf verlassen die beiden, jeweils mit einer Tüte Brötchen unter dem Arm, Hand in Hand die Sporthalle. Ich sehe sie noch kurz draußen im grellen Licht stehen, sehe, wie Simon sich die wohl fünfzigste Zigarette dieses Tages dreht.
Sie stehen nur fünfzig Meter entfernt. In Wirklichkeit liegen so viele Welten zwischen uns, dass mir ganz schwindelig wird.