.. auf kongolesische Art.
"Um neun fängt es an! Macht euch schick, meine Schwester legt Wert auf sowas! Bloß nicht zu gechillt!" - so oder so ähnlich lauteten die Worte von Diane ("Djann"), als sie mich und Josephine zur Verlobungsfeier ihrer Schwester einlud. Wie jetzt, Verlobungsfeier? Seit wann feiert man eine Verlobung so groß, dass die Schwester der zukünftigen Braut Freunde einladen kann, die dieser bisher völlig unbekannt sind? Keine Ahnung, aber das sollte auch nicht die einzige Frage bleiben, die Josephine und ich uns am gestrigen Abend stellten.
Wenn eine Feier bei Deutschen um neun Uhr anfängt, ist man als Gast besser spätestens um 08:55 Uhr anwesend. Pünktlichkeit wird bei uns schließlich groß geschrieben und bedeutet kniggetechnisch auch nicht, "punkt"genau vor Ort zu sein, wie man anhand des Wortes "pünktlich" vielleicht meinen könnte, sondern fünf Minuten früher. Bei Kongolesen scheint das nicht so zu sein. Als wir um fünf Minuten nach neun - oh mein Gott, wie unhöflich!! - den gemieteten Saal betraten, saßen erst um die zehn Personen an den geschmückten Tischen.
Frage Nr. 1: Wo ist Diane?
Einige ausgetauschte WhatsApp-Nachrichten mit Diane später war es bereits kurz vor zehn. Josephine und ich standen eine geschlagene Stunde im Eingangsbereich und immer mehr Kongolesen, einige in Jeans und Pulli, andere in traditionelleren Gewändern, zogen an uns vorbei.
Frage Nr. 2: Oh mein Gott, sind wir in unseren Kleidchen und Pumps nicht viel zu schick? (Und wo ist überhaupt Diane?)
Um zehn erschien sie, in einem neuen Kleid und - für Diane eher untypisch - Turnschuhen. Vollkommen aufgelöst eröffnete sie uns, sie müsse sich nun noch die Fingernägel machen, während wir eine Cousine, die zuvor in Jeans an uns vorbeiging, nun in einem schicken Kleid sahen. AHA. Wir verstanden langsam, dass sich einige erst vor Ort so richtig aufbrezelten!
Zusammen gingen wir in den Saal und Josephine und ich suchten uns ein Plätzchen. Eine weitere Stunde verging - noch nie kamen wir uns so weiß vor unter circa 150 Kongolesen - bis ein Herr im Anzug Worte in ein Mikrophon sprach, deren Bedeutung uns leider verschlossen blieb. Ein paar Brocken französisch waren uns zwar noch aus der Schule im Gedächtnis, doch die Chance, Lingála zu lernen, hatten wir nie.
Frage Nr. 3: Warum gab man uns nicht irgendwie zu verstehen, dass jetzt gebetet wurde?
Essen! Wir beide waren inzwischen nah am Hungertod, waren wir doch eigentlich davon ausgegangen, dass es um neun begann. Neben fünf (oder sechs?) verschiedenen Sorten Fleisch gab es unter anderem traditionelles Gebäck, gebratene Bananen und etwas, das so ähnlich aussah und auch schmeckte wie Knödel, und dessen Namen ich leider nicht behalten konnte.
Frage Nr. 4: Wo verdammt ist eigentlich die zukünftige Braut? Um die geht es doch hier .. ?
Plötzlich wurde es laut und in den Saal tänzelten erst sechs Männer, anschließend sechs Damen - alle in den gleichen rosa Kleidern. Dahinter kam sie endlich: Dianes Schwester, die wunderschöne zukünftige Braut, mit ihrem Verlobten. Als sie die Mitte des Raums erreichten, scharten sich alle um sie herum und tänzelten zu fröhlicher Musik. Später gab es eine Art Polonaise durch den gesamten Raum.
Inzwischen war es ein Uhr. Viele Impressionen und Fotos später machten Josephine und ich uns auf den Heimweg. Es war ein wirklich schöner Abend, auch wenn wir uns wohl selten so fehl am Platze gefühlt haben. Die Atmosphäre war so herzlich und locker, wie man sie auf deutschen Feiern wohl selten erlebt, mal ganz abgesehen von den vielen bunten und wild gemusterten Kleidungsstücken. Ich schätze, auf einer deutschen Verlobung/Hochzeit würde auch niemand auf die Idee kommen, die hohen Schuhe einfach auszuziehen, eher würde man mit schmerzverzerrtem Gesicht in der Ecke stehen.
Am meisten haben es mir aber doch die vielen süßen Kinder angetan, wie man wohl auf dem Rest der Bilder erkennen kann!
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